schubLaden aus Kreuzberg

1400 Schubladen lagern bei Franziska Wodicka. In ihrem »schubLaden« im Berliner Stadtteil Kreuzberg stapeln sie sich bis unter die Decke. »Single-Schubladen« nennt die Designerin die Stücke, die zu keinem Korpus mehr gehören. Sie findet sie in Trödelläden und bei Firmen, die Wohnungsauflösungen organisieren. »Und mittlerweile bringen mir auch Privatleute aus ganz Deutschland alte Schubladen vorbei«, so Wodicka. Sie geben die Laden ab, weil der Korpus entweder nicht mehr existiert, verzogen oder verrottet ist. Auch wenn Möbelstücke schon auseinanderfallen, sind die Schubladen meist noch intakt.

Regelmäßig durchstöbert Franziska Wodicka ihren riesigen Fundus und kombiniert die unterschiedlichsten Holzschubladen miteinander. Sie misst sie aus, zeichnet Entwürfe, verwirft, gestaltet neu – bis alles sitzt. Eine Schreinerin setzt ihre Entwürfe um, baut den Korpus aus MDF. Ein Lackierer sorgt anschließend für den Glanz.

»Die Schreinerin ist bis zu zwei Stunden mit einer Schublade beschäftigt«, so Wodicka. »Einige müssen eingekürzt werden, damit sie passen. Bei anderen wird der Boden geschliffen, wenn er mit Öl oder Farbe vollgeschmiert ist. Und manchmal müssen wir den Knauf ersetzen. Ich habe auch eine riesige Knauf-Sammlung.«

Aber: »Die Fronten der Holzschubladen bleiben immer unverändert«, sagt Wodicka. Das ist der Designerin wichtig. »Denn jede Schublade erzählt eine eigene Geschichte. Man sieht ihr an, ob sie oft benutzt wurde oder nicht so oft.

1-sieben-verschiedene-schubladen-in-einem-sideboard

Ein aus sieben verschiedenen alten Schubladen bestehendes neues Sideboard »

Einige Schubladen haben Aufkleber oder Beschriftungen. Andere haben statt eines Knaufs einen rostigen Nagel mit einer alten Kordel dran. Das macht die Möbelstücke so authentisch. Wir erwecken die Schubladen zu neuem Leben. Und jeder kann selbst rätseln, was mit ihr vorher wohl alles schon passiert ist.« Wurden darin vielleicht mal Liebesbriefe aufbewahrt? Fotos? Schmuck? Schulzeugnisse? Wodicka schafft Unikate zwischen Gebrauchsmöbel und Kunstobjekt.

Eine Geschäftsidee, die durch einen Zufall entstanden ist. 2003 findet Franziska Wodicka, die eigentlich Gärtnerin und Landschaftsarchitektin ist, in einem Trödelladen 18 verwaiste Apotheker-Schubladen mit weißen Porzellan- knöpfen. Sie haben alle unterschiedliche Größen und die verschiedensten Gebrauchsspuren im Holz. Aber Wodicka kauft sie trotzdem spontan und baut sich selbst einen Schrank drum herum, der dann jahrelang in ihrem Büro steht. »Ich bin ein absoluter Ordnungstyp«, sagt sie.

»Und man hat so viele Gegenstände, für die es keinen festen Ort gibt, wie zum Beispiel Schlüssel, Einkaufstüten und Notizbücher.« In den Schubladen finden die Gegenstände endlich ihren Platz.

Als 2007 ein Ladengeschäft im Erdgeschoss ihres Wohnhauses frei wird, kommt Franziska Wodicka ins Träumen. Ihr Sohn ist damals ein Jahr alt, sie wünscht sich ein eigenes Geschäft mit flexibleren Arbeitszeiten. Aber was soll sie bloß verkaufen? Da fällt ihr wieder ihr selbst gebauter Schrank mit den alten Apotheker-Schubladen ein … Wodicka sammelt etwa hundert Laden zusammen und legt mit ihrem Geschäft los.

Seitdem läuft der »schubLaden«. 390 bis 3800 Euro kosten die Einzelstücke, Sonderanfertigungen auch mal mehr. »Es kommen Kunden quer Beet, da gibt es keine bestimmten Altersgruppen«, sagt Franziska Wodicka. »Alle begeistern sich einfach für alte Holzschubladen. Und junge Kunden lassen sich die Möbelstücke auch gern von Verwandten schenken.«

»Sogar Möbel-Zeitungen aus Japan haben schon über die Unikate aus Berlin berichtet.«

Wodicka bietet schon fertige Möbelstücke an. Die Kunden können sich aber auch Schubladen aus dem großen Lager aussuchen, die die Designerin dann verarbeitet. Sogar Möbel-Zeitungen aus Japan, Bulgarien und Portugal haben schon über die Unikate aus Berlin berichtet. Mittlerweile hat die 38-Jährige einen Mitarbeiter für die Buchhaltung eingestellt, kümmert sich selbst nur noch um das Design.

2-alte-schubladen-recyceln

Alte Möbel recyceln – eine Geschäftsidee, die auch aus ökologischen Gründen Sinn macht. »Alte Sachen werden leider oft nicht so wertgeschätzt«, so Wodicka. »Dabei sind sie meist viel hochwertiger verarbeitet als neue.

Am besten sind Schubladen, die vor 1980 gebaut wurden. Danach wurden die meisten maschinell und so billig hergestellt, dass es sich eigentlich nicht lohnt, da noch Hand anzulegen. Da wäre der Aufwand höher als der Wert.«

»Am besten sind Schubladen, die vor 1980 gebaut wurden.«

Was man beachten sollte, wenn man alte Holz-Möbel erhalten will? »Wichtig ist vor allem der sensible, respektvolle Umgang mit dem Rohmaterial«, sagt die Expertin. »Man sollte nicht versuchen, es so zu verändern, dass die Grundidee des Möbelstücks verloren geht. Eine alte Schublade zum Beispiel mit Schienen zu versehen, würde einfach nicht passen.«

Und die Designerin träumt schon von weiteren Projekten. »Ich würde gern mal eine komplette Küche mit alten Holzschubladen entwerfen«, sagt Franziska Wodicka. »Aber dazu fehlte mir bisher einfach die Zeit.«

3-beistellmoebel-set-aus-alten-schubladen

» Beistellmöbel-Set aus alten Schubladen